von Lena Falkenhagen (Lena@Falkenhagen.de)
1. Einführung *
2. Was ist eine Newsgroup? *
2.1. Moderierte Groups *
3. Ansprüche von Newsgroups *
4. Durchsetzung der Ansprüche *
4.1. Allgemeine Newsgroups *
4.2. Moderierte Newsgroups *
5. Vor- und Nachteile von Newsgroups bezogen auf wissenschaftliches Arbeiten *
5.1. Öffentlichkeit & Verfügbarkeit *
5.2. Anonymität *
5.3. Die Unüberprüfbarkeit von Behauptungen *
5.4. Quellenangaben und Zitierung *
5.5. Qualität vs. Quantität *
6. Die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens im Usenet *
7. Wechselwirkungen Medium/Kommunikation *
8. Fazit *
9. Literaturangaben *
Newsgroups sind ein weltweites Medium der Kommunikation. Mit der Verbreitung des
Internetzuganges für viele Privathaushalte, Universitäten und Firmen hat sich auch die
Nutzung von Newsgroups erhöht. Die Fragestellung, unter der ich arbeite, ist, ob
wissenschaftliches Arbeiten im Usenet möglich ist.
Newsgroups zu untersuchen, stellt sich nicht ganz einfach dar. Zum einen gibt es ihrer einfach sehr viele zu den vielfältigsten Themengebieten, zum anderen definiert sich jede Newsgroup selbst und läßt sich so schlecht mit anderen vergleichen. Doch natürlich existieren in fast allen Groups vergleichbare Phänomene, die durch die Struktur des Usenet an sich verursacht werden und die es hier zu untersuchen gilt.
Ich habe mich in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Gruppen de.etc.sprache.deutsch, sci.psychology.psychotherapy.moderated, sci.math (kurz auch alt.math.moderated) und sci.physics.research (moderated) gestützt, um sowohl geisteswissenschaftliche wie naturwissenschaftliche Foren miteinander vergleichen zu können. Eine der Gruppen ist deutsch, die anderen englisch. Unabdingbar fand ich auch die Untersuchung von moderierten im Gegensatz zu unmoderierten Gruppen, um daran eventuell Probleme der einen oder anderen Form aufzeigen zu können.
Nachdem ich also zunächst generell auf Newsgroups und ihre Ansprüche und Ausprägungen eingehen werde, komme ich auf die Vor- und Nachteile der wesentlichen Merkmale dieser Art der Kommunikation zu sprechen, wie z. B. die in Groups vorherrschende Anonymität und die unvermeidliche Öffentlichkeit. Zum Schluß gehe ich auf die tatsächliche Usenet-Praxis ein, das heißt, wie die Realität diesbezüglich aussieht.
Zitate aus dem Usenet gebe ich im Folgenden bis auf Ausnahmen immer als ganzes Posting
an, um die sowieso schon aus dem Kontext gerissenen Beiträge nicht noch zusätzlich zu
verstümmeln. Zusätzlich dazu liefert Netscape in seinen Postings keine Message-ID mit,
die Informationen im angegebenen Header sollten allerdings als Quellenangabe ausreichen.
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(1)
Ein jeder Beitrag (engl.: posting), der von einem Teilnehmer (auch engl.: user) eingesendet wird, wird der weltweit daran teilnehmenden Leserschaft veröffentlicht. Das Usenet, das als Unix-Rechnerverband begann, inzwischen aber synonym für das gesamte Newsgroup-Netzwerk steht, findet hauptsächlich Nutzung als Hobby. Newsgroups werden auf Antrag einzelner User eingerichtet, wenn sich in der administrativen Gruppe news.announce.newgroups von 100 eingegangenen Stimmen eine 2/3-Mehrheit für das neue Diskussionsforum findet. Antragsteller sind häufig themeninteressierte Benutzer des Usenet, die sich mit Gleichgesinnten aus aller Welt über ihr Lieblingsthema austauschen möchten. Im Prinzip kann aber jeder, der einen Zugang zu einem Newsreader (ein Programm zum Verarbeiten der Beiträge des Usenet) hat, einen Antrag auf Erstellung einer neuen Gruppe einreichen. (2)
Das Computer-Network (3) Glossary definiert Newsgroups folgendermaßen (4):
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Die deutsche Industrie- und Handelskammer Aachen gibt in ihrem Glossar zu Internet-Begriffen auf ihrer Homepage folgende Definition (5):
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Sowohl das englische bulletin-board (nach dem Duden Oxford Großwörterbuch Englisch = Anschlagtafel, Schwarzes Brett) wie auch das deutsche Diskussionsforum enthalten noch keine Wertung zur wissenschaftliche Verwendung dieses Kommunikationsmediums, da eine Diskussion allein eine Erörterung von Themen beschreibt, nicht deren Natur oder Inhalte.
Eine allgemeingültige Erklärung, wozu Newsgroups erstellt wurden und wie sie sich selbst verstehen, existiert nicht, jede Group definiert sich über ihre Charta selbst, in der die gewünschten Themen und Diskussionsformen von den Erschaffern der Gruppe festgelegt werden (später kann die Charta auf Votum der Leserschaft geändert werden).
Deutlich werden in den obigen Definitionen die Vielzahl an Themen, die freie
Beteiligung, die relativ ungeordnete Struktur der Newsgroups und deren weltweite
Verbreitung alles Merkmale, die zur Prägung der Art der Kommunikation beigetragen
haben, wie ich weiter unten noch erläutern werde.
Moderierte Groups unterscheiden sich von den allgemeinen Groups durch einen oder mehrere Moderatoren. Diese Moderatoren erhalten unterschiedliche Befugnisse, um die in der Charta festgelegten Bedingungen durchzusetzen. Die Gruppen sci.physics.research (moderated), sci.psychology.psychotherapy.moderated und alt.math.moderated sind moderierte Newsgroups, die sich jedoch in der Art der Moderierung unterscheiden.
Wie zum Beispiel aus diesem Posting ersichtlich, empfängt der Moderator in sci.physics.research (moderated) die eingesendeten Beiträge und kürzt eigenständig und ohne Nachfrage etwa zu langen Zitattext oder empfiehlt die Verlegung einer Diskussion auf die Ebene der Email:
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In der Gruppe sci.psychology.psychotherapy.moderated (6) dagegen werden die Postings durch ein Moderationsprogramm gefiltert und an die Moderatoren verteilt, wenn der Poster nicht auf der sogenannten "Greenlist" stehen, durch die man unmoderiert an den Diskussionen teilnehmen kann. Durch die Vorauswahl gehen eventuell zweifelhafte Postings an die Moderatoren, die daraufhin den entsprechenden Beitrag entweder an die Gruppe senden oder an den Absender zurückschicken, eventuell mit Kommentaren versehen, weshalb das geschehen ist und was geändert werden müßte, um das Posting an die Gruppe senden zu können. Die Beiträge, die die Ansprüche der Charta nicht erfüllen, werden vom Moderator jedoch in keiner Weise editiert, wie das in anderen Gruppen üblich sein kann.
Im Gegensatz zu diesen beiden (teils) menschlichen Moderationsvorgängen wird die Gruppe alt.math.moderated ausschließlich von einem automatischen Moderator bearbeitet:
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(7)
Über die genaue Art der Moderation durch dieses Moderationsprogramm wird auch in der Charta nichts gesagt, allein eine Angabe von angemessenen und unangemessenen Postings folgt.
Dort ist auch der Grund zu finden, warum Groups moderiert werden:
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Moderation dient der Durchsetzung der wissenschaftlichen Ansprüche in den moderierten
Newsgroups, die ohne eine solche Überwachung häufig in Mittelmäßigkeit und
Off-Topic-Diskussionen abgleiten.
Um die Ansprüche untersuchen zu können, die eine Newsgroup an sich selbst stellt, muß man die zugehörigen Chartas heranziehen. Eine Charta beschreibt den Sinn und Zweck der Group, für die sie erstellt wurde, und kann auf Wunsch der aktuellen Teilnehmer geändert werden. Was nicht der Charta (engl. charter) entspricht, ist off-topic und gehört nicht in die Group, die Verlegung auf den Email-Verkehr oder in eine andere Newsgroup ist in diesem Fall erwünscht.
Die Charta der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch zum Beispiel ist recht weitläufig gefaßt und besitzt als einschränkendes Merkmal nur das Thema "Sprache" (8):
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Danach folgen noch weitere Konventionen und die FrequentlyAskedQuestions-Liste der Gruppe.
Im Gegensatz zu der Sprache-Gruppe schränkt die moderierte sci.psychology.psychotherapy.moderated in ihrer Charta (9) auch den Kreis der aktiven Teilnehmer der Newsgroup ein:
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Zwischen den beiden Chartas erkennt man deutliche Unterschiede, die für das Aufrechterhalten der Ansprüche der jeweiligen Gruppe relevant sind. Während in de.etc.sprache.deutsch hauptsächlich Angaben zu dem verwendeten Zeichensatz und der verwendeten Sprache gemacht werden und ansonsten nur die Einschränkung auf das Diskussionsthema "Sprache" in seinen Ausprägungen gemacht wird (was aber zum Beispiel Literaturdiskussionen aus dem Fachgebiet deutsch ausschließt), trifft man in sci.psychology.psychotherapy.moderated eine weit engere Auswahl des zukünftigen Users, wie Psychotherapeuten und Sozialhefer, beschränkt sich jedoch nicht darauf, sondern läßt generell alle Benutzer mit einem Interesse daran zu schließlich ist das Usenet ein öffentliches Forum.
In der Charta von sci.psychology.psychotherapy.moderated wird wie in der ersten Charta eine Definition der gewünschten Themen gegeben, die allesamt mit dem Thema der Gruppe zusammenhängen, allerdings bemüht man sich hier einer erschöpfenderen Auflistung:
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Da diese Gruppe moderiert wird, erhält der Leser der Charta nun noch eine Auflistung von unerwünschten Postings, die von den Moderatoren nicht an die Gruppe weitergeleitet werden, gleichsam als Richtlinie für den zukünftigen User:
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Wir erhalten also bei de.etc.sprache.deutsch allein grobe Richtlinien in Bezug auf unser Userverhalten, hier sind sowohl Themengestaltung wie auch Teilnahme nur vage umrissen und unter das Dachthema "Sprache" gefaßt.
Sci.psychology.psychotherapy.moderated dagegen stellt seine genaue Vorstellung sowohl
von Themen- wie auch von Teilnehmerkreis vor. Zu welchen Vor- und Nachteilen dies
gereicht, sei unter 4., Durchsetzung der Ansprüche, dargelegt.
Im folgenden möchte ich anhand von Beispielen darlegen, wie die oben definierten
Ansprüche in der Postingpraxis aussehen. Die Unterscheidung in moderierte und
nichtmoderierte Groups erscheint mir sinnvoll, da die Moderatoren teilweise erheblichen
Einfluß auf die Postingpraxis ausüben.
In allgemeinen oder nichtmoderierten Newsgroups ist eine tatsächliche Durchsetzung der in der Charta festgelegten Ansprüche schwierig. Diskussionen über noch so passende Themen gleiten häufig in Nebensächlichkeiten ab, die dann schon mal "off-topic", nämlich gemäß der Charta thematisch unpassend sind, oder entwickeln sich ob der unvermeidlichen Mißverständnisse zu Streitereien (meistens über Semantik) oder sogenannten Flamewars, heftigen Schlagabtauschen, in denen sich die Benutzer mehr gegenseitig anfeinden als auf Argumente einzugehen.
Kontrolliert werden können diese Entgleitungen allein durch die anderen Benutzer, die bei groben Verstößen gegen Charta oder Netiquette den Verursacher anmahnen. Kommt dies trotzdem häufiger vor, müssen sich die Leser der Gruppe, die sich gestört fühlen, an den Systemadministrator des Störenden wenden und bitten, das etwas dagegen unternommen wird.
Unnötig zu sagen ist es, daß Beschwerden bei einer derartigen Regulierung völlig subjektiver Natur sein können und der eine Leser eher jemanden anmahnt, während ein anderer noch geduldig ist.
Durch den fast schon familiär zu nennenden Umgangston, der sich in manchen Newsgroups einstellt, da sich mit der Zeit viele der eingeschriebenen User näher kennen lernen, entstehen schon mal solche Beiträge, die zwar lustig sind, aber mit dem Thema der Gruppe und den Definitionen der Charta nur mehr wenig zu tun haben, also off-topic sind. Der Beitrag (10) entstand aus dem Thema über die Benennung der Sinti und Roma, den Ursprung des Wortes "Zigeuner" und daß man unter den Begriff meist die schmutzigen Bettler faßt "Frauen und Kinder suedlaendischen Teints, die man auf der Strasse antrifft und die auch manchmal die Gelegenheit wahrnehmen, etwas aus Fremden Taschen zu entnehmen." (11) Auf die Frage hin, wie der Diskussionspartner (der hartnäckig auf der Verwendung des Wortes Zigeuner bestand), eine solche Person nenne würde, antwortete er mit "Dieb" und eventuell "Zigeuner", ebenso, wie er "Franzose" sagen würde, wenn der Dieb einen französischen Akzent aufwiese. Daraus entwickelte sich schließlich folgende Abschweifung:
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Diese Diskussionsfolge (engl.: thread), entstanden aus der Fragestellung, wo die Redewendung "Bis zur Vergasung" ihren Ursprung nahm und ob sie von ehemals im Dritten Reich der Verfolgung ausgesetzten Völkergruppen falsch verstanden werden könnte, entwickelte sich über viele Beiträge zum Thema der korrekten Benennung der Sinti und Roma und ihrer Abneigung gegenüber der Bezeichnung "Zigeuner". Gemäß der Charta von de.etc.sprache.deutsch (wir erinnern uns: "Dies umfaßt Fragen und Antworten zu Grammatik, Rechtschreibung und Etymologie, schließt aber auch kontroversere Themen wie Übersetzungen, Sprachgebrauch, [...]nicht aus." (12)) entspricht diese und die anschließende Diskussion über Political Correctness und ihren Sinn in der Gesellschaft durchaus dem Inhalt der Newsgroup; die scherzhafte Debatte über die (hypothetisch) begangene Straftat und die Kalauer über andere französischsprachige Volksgruppen jedoch sind es ganz sicher nicht.
Folgendes Posting (13) aus derselben Gruppe zeigt ebenfalls ein off-topic-Thema an, jedoch ein markiertes und entstand aus einer Diskussionsfolge über die korrekte Benamsung der Einwohner Parmas:
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Der Schreiber gibt hier zu, mit seinem Thema nicht in die Group zu gehören, markiert dies jedoch, da er sich dessen bewußt ist. Vermutlich ist ihm bekannt, daß ein anderer Teilnehmer an der Diskussion ebenfalls über das unpassende Themengebiet Bescheid weiß.
Ein solches "Familiengefühl" entsteht in umoderierten und offen gefaßten Gruppen wie de.etc.sprache.deutsch häufig (wie oben erwähnt), da viele Teilnehmer sich durch den jahrelangen Kontakt bereits näher kennen und eventuell auch privaten (Mail-)Umgang miteinander aufgenommen haben, denn immerhin trifft man sich in der entsprechenden Gruppe ob eines gemeinsamen Interesses.
Diese Bekanntheit untereinander führt zu den aufgezeigten Scherzen, die aus dem selben Grund dann auch selten angemahnt werden ein wenig Auflockerung wird allgemein akzeptiert.
Im Gegensatz dazu mahnen alteingesessene Mitglieder von Groups übelwollende Individuen, die sich weder an Netiquette noch an die Charta halten, gerne mit strafender Ironie ab, wie dieses weitere Beispiel aus de.etc.sprache.deutsch zeigt (14):
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Ein anderes Posting (15) aus einem Thread über einen unerwünschten Teilnehmer lautet folgendermaßen und bezeichnet gleichzeitig ein weiteres Medium, sich der ungewünschten Groupgenossen zu entledigen. Der Absender reagiert auf einen Beitrag, der wiederum ironisch mit einem User umgeht, der gegen die netiquette verstoßen hatte:
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"Killfile" bezeichnet die Fähigkeit vieler Newsreader, Beiträge, in denen
besondere Wörter oder Bezeichnungen enthalten sind, auszufiltern. Das führt dazu, das
derjenige, der diese Killfile mit der Email-Adresse des Störenfriedes aus obigem Thread
eingerichtet hat, von ihm kein einziges Posting mehr zu sehen bekommt. Nehmen mehrere oder
viele Gruppenleser einen Poster so in ihr Killfile auf, wird er im weiteren Verlauf
schlichtweg für immer ignoriert.
In moderierten Newsgroups ist das Aufrechterhalten der Charta und der Nettiquette und damit der Ansprüche einer Group wesentlich leichter, als in unmoderierten. Enthält ein Posting zum Beispiel zu viel zitierten Text (ein Merkmal, das der Netiquette zuwiderhandelt), kann ein Teil davon von bestimmten Moderatoren entfernt werden (16):
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Diese Handhabung wirkt der Unsitte entgegen, die von manchen Newsreadern automatisch eingestellte Zitierung des gesamten beantworteten Postings ungekürzt in der Antwort stehen zu lassen, ein Umstand, der auch in vielen unmoderierten Groups durch Mitleser beanstandet wird.
Manchmal greift der Moderator, wie hier in sci.physics.research (moderated) auch beratend oder ergänzend ein:
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Verstößt ein Thread oder ein Posting gegen die Charta, kann auch hier, je nach Moderationsart, der Moderator eingreifen (17):
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In vielen moderierten Groups bekommt der Leser jedoch die eingreifende Hand des Moderators kaum zu spüren oder zu sehen: Wer selbst korrekt postet, ist nicht betroffen, verstoßen andere jedoch gegen die Charta, so daß ihre Postings zurückgeschickt werden, gibt es keine Äußerung davon in der Group.
So bleibt als einzig spürbare Wirkung dieser Moderatoren das deutlich themenbezogenere
Arbeiten in solcherart moderierten Groups, in denen der Leser weniger Quatsch und Kalauer
als fachliche Beiträge zu sehen bekommt.
Nach der Verdeutlichung von wesentlichen Merkmalen moderierter und allgemeiner
Newsgroups und ihren Auswirkungen auf das Umgangsklima in selbigen, möchte ich nun zu den
allgemeinen Vor- und Nachteilen von wissenschaftlicher Arbeit in Newsgroups kommen.
Eine jede Newsgroup ist all denen offen, die über einen Newsreader über Zugang zum Usenet verfügen (abgesehen von z.B. betriebsinternen Newsgroups o.ä.). Das in den Gruppen verbreitete Wissen ist also allen Usenetlesern auf der ganzen Welt zugänglich, so daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse gemeinsam von Australiern, Amerikanern, Spaniern und Chinesen diskutiert werden können.
Probleme entstehen hier durch die unterschiedlichen Sprachen, denn wer kein Englisch spricht, wird auch nicht in einer britischen Gruppe shakespearesche Literatur diskutieren können. Durch die weite Verbreitung des Englischen als Weltsprache werden viele dieser Schranken jedoch aufgehoben, allein nicht alle regionalen Gruppen akzeptieren englisch- oder andere fremdsprachige Beiträge. Auch diese Angaben sind meist in der Charta festgelegt (zum Beispiel heißt die deutsche Gruppe de.etc.sprache.deutsch englischsprachige Postings ausdrücklich willkommen, siehe oben).
Weitere Beschränkungen erlegen die Serverbetreiber den Usenetkunden auf: Nicht alle Anbieter tragen auf ihren Servern auch alle Gruppen ein, manchmal fehlen sogar ganze Hierarchien.
Das Usenet demotisiert, ebenso wie das Internet selbst, das Wissen, macht es einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Durch aktuelle Diskussionen zum Beispiel erfahren auch solche Teilnehmer von den neuesten Entwicklungen, die nicht die entsprechenden Fachzeitschriften abonniert haben, und wem es in seiner Kleinstadt an Gesprächspartnern über sein Lieblingsthema mangelt, der findet in den Newsgroups sicherlich genügend Ansprechpartner, denn hier ist die ganze Welt Forum.
Die ganze Welt allerdings nur eingeschränkt, denn natürlich nur der Teil von ihr, der über einen Computerzugang verfügt, was in sogenannten Drittweltländern sicherlich kaum der Fall ist. Während der Kontinent Australien 71 Groups aufweist, existiert in der Hierarchie africa nur africa.news, eine gering frequentierte Gruppe, in der man auf Deutsche, Amerikaner, Australier und viel Werbung trifft kaum auf Afrikaner.
Gerade diese Öffentlichkeit ist es auch, die die Wissenschaft auf der einen Seite fördert, auf der anderen Seite natürlich auch behindert. Während man sich in vielen Gruppen mit Forschern über sein Thema austauschen kann, kann dies auch die Konkurrenz tun, und so gerät die Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien nur selten in ein so öffentliches Forum, wo sich jeder bedienen kann und behaupten könnte, daß er diese Arbeit selbst geleistet habe. Die unbegrenzte Zahl der Mitleser macht es unmöglich, geheime Forschung zu betreiben, gerade dieselbe hohe Teilnehmerzahl jedoch erschließt Wissenschaftlern ein unschätzbar großes Auditorium, in dem man meist zielsicher Antworten auf selbst die abwegigsten Fragen erhält (18):
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Der Mangel an Infomationen über Qualifikation und Quellen, der hier auffällt, soll
allerdings unter 6.2 Anonymität behandelt werden; wichtig ist, daß Behauptungen
ohne Quellenangaben natürlich immer als persönliche Meinung gelten und auch unbedingt
als solche betrachtet werden müssen.
Während viele Menschen, die an Newsgroups teilnehmen, dies über Universitäts- oder Firmenaccounts tun, bei denen Wert auf eine deutliche Identifizierbarkeit des Benutzers gelegt wird, sind auch Email-Adressen wie die von AOL, Compuserve oder Hotmail weit verbreitet, von denen man nicht notwendigerweise Rückschlüsse auf den Benutzer ziehen kann und wo sogar für ein und dieselbe Person verschiedene Adressen möglich sind. Namen wie Seide98, Rogana, Gegi77 oder Levulator sagen häufig überhaupt nichts über die Personen aus, die sich dahinter verbergen, eine Tatsache, die auch gerne zur mutwilligen Täuschung über Identität oder Geschlecht benutzt wird.
Abgesehen von der Unüberprüfbarkeit der Aussagen des Gegenübers, auf dessen Wort man
sich verlassen muß, fördert das Usenet ähnlich wie der Chat die Nähe durch Distanz.
Diese merkwürdige Formulierung läßt sich dadurch erklären, daß die tatsächliche
Distanz zwischen den Teilnehmern einer Diskussion das ungezwungene Miteinander erst
ermöglicht. Dem Selbstbewußtsein eventuell abträgliche Merkmale wie Aussehen, Kleidung,
Übergewicht etc. sind im Usenet nicht präsent, man hat zunächst eine virtuelle,
optimale Vorstellung vom Gegenüber, bis man eventuell ein Photo zugesandt bekommt, bei
dem aber wiederum nicht gesichert ist, daß es dem tatsächlichen Äußeren entspricht.
Ängste und Unsicherheiten können hinter sich gelassen werden, man kann sozusagen mit
jeder Email-Adresse von neuem anfangen und wird allein aufgrund seiner Äußerungen und
der Art und Weise, wie man sich gibt, beurteilt.
Die Anonymität, die ein wesentliches Merkmal des Usenet ist, bietet sowohl Vor- wie auch Nachteile. Aus ihr resultiert (wie oben bereits angedeutet) die Unüberprüfbarkeit von Behauptungen. Für wissenschaftliches Arbeiten im Netz wäre zum Beispiel von Bedeutung, ob der Doktor der Psychologie tatsächlich einer ist, das ist nicht nur für die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen wichtig, sondern zum Beispiel auch für die Problemberatung via Usenet. Hier ist die Aussage über Geschlecht und Aussehen völlig irrelevant, aber ein jeder Teilnehmer, dessen Adresse zum Beispiel JohnCarter@aol.com oder ähnlich lautet, mag behaupten, er sei ein Psychotherapeut und sich anbieten, Menschen mit Problemen zu helfen. Mißbrauch und Betrug sind mögliche Folgen, wenn dafür auch noch Geld verlangt wird, ebenso wie schwere Schäden für die Behandelten.
Dieses Problem der Unüberprüfbarkeit resultiert manchmal in Konflikten mit einem Vorteil der Anonymität. Über das Usenet muß man sein Gesicht nicht zeigen, man kennt die Leute nicht, und, viel wichtiger, sie kennen einen selbst nicht, vielleicht wird man ihnen nie wieder begegnen. Unter solchen Umständen kann man seine Probleme eher offenbaren, als das manchem Menschen in einem persönlichen Gespräch oder mit einem Psychologen möglich ist.
Wie aber soll man nun urteilen? Einerseits weiß man nichts über die Person, wird auch niemals alles über sie wissen können, wenn man ihr nicht gegenübersitzt. Alles, was sie berichtet, könnte genauso gut gelogen sein. Auf der anderen Seite benötigt diese Person vielleicht in der Tat Hilfe, die zu verweigern ebenso schädlich sein kann.
Ein Beispiel aus sci.psychology.psychotherapy.moderated beleuchtet diese Problematik recht deutlich (19):
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Hier bittet eine angeblich behandelte Person um Hilfe gegen ihren Psychologen, behauptet aber gleichzeitig, selbst schon zwei andere Therapeuten herangezogen zu haben. Trotzdem gibt sie vor, nicht zu wissen, was sie tun soll. Diese vordergründig so mitleiderregende Klage wurde in der Gruppe demzufolge auch widersprüchlich debattiert. Zur Verwirrung trug bei, daß mindestens ein weiterer neuer AOL-Account zur selben Zeit wie Seide98 auftauchte und vehement für sie argumentierte und vermutet wurde, daß dies einfach ein weiteres Alias der Person hinter Seide98 sei. Ein dritter AOL-Benutzer schließlich argumentierte gegen sie, ist aber in der Gruppe schon häufiger augetreten, so daß keine inhaltliche Verbindung nahegelegt wurde.
Eine Antwort auf Seide98s Frage (20):
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Bei diesem Posting vermutete eine langjährige Teilehmerin der Gruppe, daß es sich nur um einen Zusatznamen unter AOL von Seide98 selbst handelt, doch Beweise dafür sind natürlich nicht zu erbringen.
Zusätzlich zu der Diskussion um die Echtheit dieser Anfrage entstand in
sci.psychology.psychotherapy.moderated allerdings noch eine sehr fruchtbare Debatte um die
Vorteile der Anonymität von Therapeuten im Internet und die ethischen Ansprüche, die man
an diesen Berufsstand stellen sollte.
Ein anderes Beispiel von mutwilliger Verwirrung durch Anonymität im Netz zeigte sich in de.etc.sprache.deutsch, wo Verwirrung dadurch verursacht wurde, daß ein Teilnehmer Androhungen einer zweiten Person in der Gruppe veröffentlichte, der aber behauptete, seine (private) Email sei verfälscht worden. Ausgangspunkt war Kritik an den Gedichten der zweiten Person, die sie ausgesprochen übel aufnahm. Das dem vedrohten zu glauben war, stellte sich jedoch bald durch nähere Untersuchung heraus, denn der Glaube, daß man bei T-Online wirklich anonym ist, wenn man es nicht richtig anstellt, erwies sich als irrig (21):
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Diese Fehler im Konzept des selbsterklärten "Terror Maker" lassen darauf schließen, daß er ein Usegroup-Neuling ist und es das nächste Mal leider besser machen wird. Der (falsch geschriebene) Aliasname deutet zudem daraufhin, daß dieser Account (zumindest im Moment) allein zu dem Zweck benutzt wird, andere Usenetteilnehmer zu bedrohen, zu bedrängen und Terror zu verbreiten, Terror, den er selbst (laut dem Bedrohten) als "Telefon-Terror" bezeichnet (22):
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Diese Androhungen legen die kindische Vermutung nahe, daß der Absender zu viele Horrorfilme gesehen hat. Da allerdings ein Teil dieser Androhungen bereits wahr gemacht wurde, wie der Bedrohte bestätigt, handelt es sich hier tatsächlich um ein illegales Vorgehen, das zumindest der allgemeinen Netiquette scharf zuwiderhandelt.
Nach einer Anzeige bei T-Online und der Weiterleitung der Drohbriefen an den Provider
wurde der Fall übrigens der Rechtsabteilung bei T-Online übergeben, ein Zeichen dafür,
daß der Benutzer solchen anonymen Terroristen doch nicht schutzlos ausgeliefert ist
wenn sie sich immer so dumm anstellen, wie in diesem Fall.
Die Überprüfbarkeit von Behauptungen wird durch die Anonymität der Teilnehmer noch schwieriger gemacht, als dies in einer direkten Diskussion bereits der Fall ist. Ist der Teilnehmer wirklich ein Doktor der Germanistik? Meist lassen sich solche Fragen aber bereits durch einen Blick in die Postings beantworten, denn ein echter Wissenschaftler gibt bei jeder Behauptung Quellenangaben.
Das nicht alle Usenet-Benutzer tatsächlich derart ausgebildet sind, zeigt sich in der selten angewandten Praxis an diesem Beispiel aus de.etc.sprache.deutsch, in dem diskutiert wurde, ob "involviert" ein Anglizismus sei oder nicht (23):
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Dies ist übrigens hauptsächlich ein Problem von Newsgroups, deren Charta sie mehr als allgemeine Diskussionsforen ausweisen als als thematisch begrenzte Gruppen. In Foren mit enger wissenschaftlich gefaßten Chartas wird meistens korrekt zitiert, bzw. wird die Quellenangabe hinzugefügt. Da aber auch dort der Bildungsstand auf höchst unterschiedlichen Niveaus liegt und niemandem das Posten verwehrt wird, nur weil er keinen Doktor der Mathematik vorweisen kann, finden solche Vorfälle fast überall statt.
Moderierte Gruppen unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von nichtmoderierten, da dies meist nicht in die Zuständigkeit der Moderatoren fällt. Tatsächlich wird ein solcher Mangel an Zitatangaben hauptsächlich bei der Diskussion von Theorien jedweder Materie wichtig. In mathematischen oder physikalischen Gruppen, in denen untereinander diskutiert wird, werden solche Verweise meist nicht gegeben:
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Hier werden einfach Lösungen angeboten, für die niemand eine Quelle nennt, da sie vermutlich selbst berechnet sind. Trotzdem bestehen Unsicherheiten, wie am Fragezeichen zu erkennen, die auch durch die letzte Antwort nicht ausgeräumt werden, da auch hier der Schreiber keine gesicherte Quelle nennt, sondern einfach eine Behauptung in den Raum stellt. Wissenschaftliche Arbeit ist allerdings nur auf der Basis von gemeinsamen Informationen und begründeten Standpunkten möglich, auch wenn hier gewisse mathematische Probleme eine Ausnahme darstellen, weil sie nachrechenbar bzw. beweisbar sind.
Nach dieser Diskussion der Vor- und Nachteile von Anonymität möchte ich zum Abschluß dieses Punktes noch auf die Auswirkung der Aufhebung der Anonymität zu sprechen kommen.
In fast jeder Gruppe lernen sich die Interessierten über einen längeren Zeitraum kennen, den sie in derselben Gruppe, manchmal sogar in mehreren themenverwandten, verbringen. Daraus resultiert persönlicher Kontakt, freundschaftlicher (oder abneigender) Umgang miteinander und Abschweifung. Hier ein Beispiel (24) aus de.etc.sprache.deutsch, wo zwei aus anderen Gruppen bekannten Usenet-Benutzer (wieder einmal) aufeinandertrafen:
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Auch das bereits oben unter Durchsetzung der Ansprüche von Chartas gegebenes Beispiel (25), in dem zunächst über den Zusammenhang von Parmaesern mit Parmesan und Karthäuser geflaxt wird und schließlich eine moderne Fernsehserie besprochen wird, paßt in diesen Rahmen:
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Da ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl aber über kurz oder lang in jeder
Newsgroup entsteht, in der die Teilnehmer länger miteinander kommunizieren, beeinflußt
es das Klima der Gruppe beträchtlich. In mancher Group ist ein solch familiärer Umgang
willkommen, andere versuchen, ihn zu vermeiden erreicht werden kann das durch eine
engere Definition der Charta und eventuelle Moderierung der Gruppe.
Die Frequentierung von Newsgroups stellt sich von Group zu Group völlig unterschiedlich dar. Während de.etc.sprache.deutsch in acht Tagen etwa 580 Eingänge zählt, sind es bei sci.physics.research (moderated) nur 170, bei sci.math dagegen mehr als 1500.
Eine nähere Untersuchung ergibt nun, daß in diesen Gruppen die Verteilung von gehaltvollen, on-topic geschriebenen Mitteilungen in keinem Verhältnis zum Umfang der Postings steht. Tatsächlich besteht eine Verbindung zu den Themen der Group und der Menge der Beiträge.
Hier soll wieder de.etc.sprache.deutsch als Beispiel für eine offene Gruppe dienen. Die einzige Beschränkung der Charta auf das Thema "Deutsche Sprache" läßt hier alle Spielräume offen. Aktuelle politische Tehmen halten Einzug durch die kritische Diskussion über Kriegsvokabular wie "Luftschläge", "Kollateralschaden", Vorschläge über ein deutsches Internet-Vokabular (I-Brief statt Email, I-Seite statt Homepage etc.) führen zu hitzigen Auseinandersetzungen zur Begrifflichkeit des Internet versus WorldWideWeb, die auch sogleich zu einem Thread zur Definition des Internet führt eine Fragestellung, die gemäß der Charta kaum noch on-topic zu nennen ist.
Alle anderen Newsgroups, die ich näher untersucht habe, wiesen solche Abgleisung in keiner Weise auf. Daß der Grund hierfür natürlich auch im Themenhorizont der Gruppen zu suchen ist, liegt auf der Hand, denn mathematische oder physikalische Diskussionen erlauben nun einmal kein Ausweichen auf ein derartiges Spektrum, wie es die Diskussion des modernen deutschen Sprachgebrauchs zuläßt, die quasi mit jeder politischen Umwälzung einhergeht.
Allein sci.psychology.psychotherapy.moderated bot hier einen Zwischenwert in der Diskussionsfolge "Re: Effectiveness of debriefing in trauma (Nancy)", in der Charakteristika von jugendlichen Massenmördern an amerikanischen Schulen aufgelistet wurden, also offensichtlich eine Reaktion auf das Massaker an der Columbine Highschool in den USA.
Je enger gefaßt das Thema, je mehr es mit toten bzw. abstrakten Dingen zu tun hat,
desto weniger besteht also die Gefahr, mit Mitteilungen in der Group unerwünscht zu sein.
Auf der anderen Seite lebt eine Gruppe wie de.etc.sprache.deutsch von solchen Beiträgen,
da der Einbezug des Sprachgebrauchs im täglichen Leben definierter Teil der Charta ist.
Nach den vielen negativen Beispielen möchte ich nun zu einigen positiven Durchführungen von wissenschaftlicher Arbeit um Usenet kommen. Wissenschaftliche Arbeit bedingt erkenntnisorientierte Arbeit, wozu auch der Diskurs über fachspezifische Fragestellungen gehört.
Diese Haltung ist im Usenet in der Praxis tatsächlich nicht sehr weit verbreitet, da die Diskussionen meist spielerisch sind und nebenbei entstehen, aus dem täglichen Leben Fragestellungen entnommen werden, die dann zur Überprüfung der Newsgroup-Öffentlichkeit unterbreitet werden.
Das folgende Beispiel (26) aus de.etc.sprache.deutsch zeigt, daß auch dort fachmännisch-wissenschaftliches Arbeiten möglich ist, in diesem Fall über Sprachwissenschaft und Ausspracheprobleme von deutschsprechenden Ausländern. Der Initiator bat um die Erläuterung der Aussprache von er am Wortende, wie etwa in Vater und bitter:
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Dieses Posting gibt eine verständliche wissenschaftliche Erläuterung zu der Fragestellung, ebenso wie der lange Thread dazu in der Lage war, einigen ausländischen Mitlesenden aus de.etc.sprache.deutsch die Tatsächliche Aussprache von er = a zu verdeutlichen.
Auch das folgende lange Posting (27) aus sci.math zeigt auf, wie im Usenet gemeinschaftlich an Theorien oder Beweisen gearbeitet werden kann, gleichzeitig aber auch, daß der mangelhafte Zeichensatz zu Problemen der Darstellung führen kann (ein Grund, weshalb ich das Posting in Courier wiedergebe). Einer der Teilnehmer stellte ein Problem auf, auf das viele Antworten folgten, bis schließlich eine Lösung gepostet wurde:
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Inklusive Beweisführung und Rückführung des Themas auf Archimedes (quasi als Quellenangabe), verschiedener Lösungswege und der Beifügung eines Programmes zum Nachprüfen der Behauptung findet hier ein wissenschaftlicher Interkurs statt, der in der Gruppe allgemein positiv aufgefaßt wurde. Selbst wenn Fehler enthalten sein sollten, so findet hier doch der Lernprozeß zur Bearbeitung von mathematischen Problemen statt, der in einer Lösung enden kann.
Trotzdem bleibt ein solcher wissenschaftlicher Austausch doch eher die Seltenheit unter den Beiträgen einer Newsgroup. Viel eher entstehen Diskussionen interessehalber, oder die gewünschten Informationen werden per Internet-Adresse angegeben, wie in sci.psychology.psychotherapy.moderated geschehen (28), wo eine Diskussion über Kundentherapie per EMail stattfand, anhand der immer größer werdenden Online-Gemeinde ein für die Psychotherapie sicherlich interessantes Thema:
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Derartige Verweise für Informationssuchende finden häufig, anders als hier geschehen, unkommentiert statt, wenn zum Beispiel in de.etc.sprache.deutsch Sekundärliteratur gesucht wird, in sci.math gute Lehrbücher empfohlen werden oder in sci.physics.research (moderated) eine Anfrage zu neuen Forschungsberichten beantwortet wird.
Abschließen möchte ich diesen Punkt mit einem Beispiel (29) aus einem Thread aus de.etc.sprache.deutsch, in dem eine Leserin eine Umfrage bezüglich häufiger deutscher Sprachfehler startete. Die vielen Antworten waren durchweg hilfreich und on-topic, beschäftigten sich jedoch schließlich auch mit der Frage, inwieweit die häufig genannten dialektischen Eigenheiten als Fehler anzusehen seien oder nicht.
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Dieser Beitrag legt zudem nahe, daß moderne deutsche Sprachfehler stark durch die Internet-Kultur geprägt werden und eröffnet so ein neues Feld der Diskussion.
Mit seiner großen Anzahl an Beiträgen zeigte dieser Thread die Hilfbereitschaft und das Interesse an einer solchen Untersuchung an, die jedoch von der Fragestellerin leider nach der Initiation der Diskussion alleingelassen wurde, was auch von einem User negativ bewertet wurde (30):
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In diesem Fall liegt es also nicht an der Newsgroup, daß der wissenschaftliche
Austausch stattfand, bei der Initiatorin aber vermutlich nicht zu dem erwünschten
Ergebnis führte.
Jedes Medium beeinflußt auf seine Art und Weise die wissenschaftliche Arbeit, die über es stattfindet. Während man am Telefon keine Graphiken oder Bilder austauschen kann, findet der Datenaustausch per Brief sehr langsam und schleppend statt, ohne direkte Interaktion. Newsgroups wirken sich durch ihre Merkmale ebenso auf ihre Art auf die getragene Information und den Informationsaustausch aus.
Zunächst beeinträchtigt die Unsicherheit des Mediums die Arbeit beträchtlich, da Bestandteile des Datenaustausches verloren gehen können. Sei dies durch den Verlust eines Postings, der eine Diskussion zum Erliegen bringen kann, oder durch den Verlust des Usenet-Zuganges eines der Diskussionspartner, so daß dieser vielleicht über Wochen nicht in der Lage ist, weiter an dem Austausch teilzunehmen. Ausgeglichen wird dieser letzte Punkt zumindest teilweise über die Usenet-Archive wie Dejanews oder Altavista, in denen noch Monate, teils Jahre später die meisten Daten gesammelt bleiben.
Usenet-Arbeit wird auch, ähnlich wie der Austausch über die Brief-Post, durch Zeitzonen und den Wochenablauf behindert, denn wenn die Diskussionspartner einem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus folgen, ist zeitliche Verschleppung eine unausweichliche Folge. Gleiche Auswirkung hat zum Beispiel ein Urlaub, sei dies nur für ein Wochenende oder längere Zeit.
Auf der anderen Seite kompensiert das Usenet diese Verzögerung, da schnellster Austausch selten nötig ist. Jedes Posting, daß die einzelnen Teilnehmer über ihren Newsreader empfangen, wird von ihnen schließlich als gerade erhalten bewertet, sei dies nun einen Tag oder eine Woche alt. Da die Daten erhalten bleiben und von jedem Diskussionsteilnehmer zu einem Zeitpunkt seiner Wahl bearbeitet werden können, kann es sein, daß noch nach vielen Wochen interessante Beiträge zu einem Thema gesendet werden, die die dann vielleicht bereits erloschene Diskussion wieder neu beleben.
Ein unvergleichliches Merkmal des Usenet ist sein großes Forum. In deutschen Gruppen erreicht man so vielleicht Experten von Flensburg bis München, die zu dem gewünschten Thema Auskunft geben können, in jedem Fall ist das Auditorium aber größer, als wenn man in der örtlichen Tageszeitung annonciert oder an der eigenen Universität Informationen einholt. In englischsprachigen Gruppen erweitert sich der Kreis sogar noch um ein Vielfaches, da man nun tatsächlich einen Mitleserkreis aus aller Welt erreicht. Auswirkung davon ist ein nahezu unerschöpflich großer Wissenspool, der den Teilnehmern des Usenet zur Verfügung steht und die Wahrscheinlichkeit vergrößert, daß jemand mit der gewünschten Information aufwarten kann, oder an einer (z.B. mathematischen) Untersuchung teilnehmen möchte.
Negative Einwirkung hat dieses große Forum allerdings häufig auf die Diskussionstiefe der bearbeiteten Themen: Das Kommen und Gehen von Mitwirkenden in den Newsgroups führt unausweichlich zu periodischen Wiederholungen, da ein gerade eingeschriebener Benutzer nicht wissen kann, daß vor zwei Monaten eine ähnliche Diskussion wie die, die er anregen möchte, bereits geführt wurde. Solchen Wiederholungen versucht man meistens mit der FrequentlyAskedQuestions-Liste (kurz FAQL) vorzubeugen, indem man dort die häufig gestellten Fragen im Voraus beantwortet und regelmäßig in die Gruppe postet. Es gehört zum guten Ton, sich neben der Charta auch die FAQL zu verinnerlichen, bevor man in einer neuen Newsgroup postet.
Trotzdem besteht im Usenet eine Tendenz zum Wissensausgleich statt Wissensvermehrung. Dies resultiert einerseits aus der Durchmischung der Qualifikation der Teilnehmer, die natürlich nicht in Gruppen für Anfänger, Fortgeschrittene und Experten unterteilt sind, sondern alle in derselben Gruppe lesen und schreiben. Zwar bemühen sich viele Gruppen bereits in der Charta klarzustellen, daß man nicht wünscht, als Lexikon oder Nachschlagewerk mißbraucht zu werden, gänzlich vermieden werden kann eine solche Verflachung des Anspruches jedoch nicht.
Ebenso führt die oben erwähnte Fluktuation unter den Teilnehmern dazu, daß wenig Drang zur Diskussionstiefe vorherrscht, ständig ähnliche, populäre Themen aufs neue aufgebracht werden und Anfänger meist weder von Charta noch FAQL etwas wissen.
Ein weiteres unverwechselbares Merkmal von Newsgroups mit Auswirkungen auf die
Diskussionen sind die Threads, die Diskussionsfolgen. Aufgrund dieser Struktur ist
es jedem Teilnehmer einer Diskussionsfolge natürlich nur möglich, auf das Posting genau einer
anderen Person zu antworten. Selbstverständlich könnte man diverse Punkte von
verschiedenen Leuten zusammenfassend in einem Posting beantworten, dies wird in der Regel
allerdings nicht durchgeführt. Also entstehen so verschiedene Threads, in denen sich
viele verschiedene Postings auf ein und denselben Ausgangsbrief beziehen, auf die dann
wieder von vielen verschiedenen Usern geantwortet wird, etc. Resultat ist eine große
Lawine von Postings, in der man auch schon mal aneinander vorbeiredet, da vielleicht ein
wichtiger Punkt nicht in dem Posting steht, auf das man sich gerade bezieht und so leicht
der Überblick verloren geht.
Ist also wissenschaftliche Arbeit in Newsgroups möglich? Die Antwort muß differenziert ausfallen. Zunächst einmal ist sie sicherlich möglich, aber nicht immer tatsächlich auch erwünscht. Ist sie jedoch erwünscht, hängt die Durchsetzung dieses Anspruches direkt von Thema, Definition der Charta und Moderationsstatus der Gruppe ab, sowie von der Disziplin jedes einzelnen Teilnehmers.
In Gruppen mit bereits in der Charta enger definierten Themengebieten, die sich mit einer deutlich abgegrenzten Materie beschäftigen, hat sich konzentriertere Arbeit entwickelt (sci.psychology.psychotherapy.moderated), als in Gruppen mit absichtlich offen gehaltenem Rahmen (de.etc.sprache.deutsch). Ebenso zeigte sich, daß das Arbeitsklima in moderierten Gruppen (sci.physics.research (moderated)) durch die Überwachung von Netiquette und On-topic-Diskussionen fruchtbarer ist, als in unmoderierten (sci.math).
Die allgemeinen Merkmale von Newsgroups bieten der wissenschaftlichen Arbeit also Vorteile und Nachteile, zwischen denen sorgfältig abzuwägen gilt. Der große Kreis der Mitarbeiter auf der einen Seite versus geringe Tiefe und Unkonzentriertheit auf der anderen Seite mag der einen Arbeit nützlich, der anderen jedoch nur abträglich sein.
Vielen Gruppen fehlt die Erkenntnisorientiertheit, die für wissenschaftliche Arbeit so wichtig ist, da die meisten eingeschriebenen Benutzer die Diskussionen als Hobby betrachten. Wird allerdings der Versuch von zielgerichtetem, wissenschaftlichem Austausch gemacht, sind die Reaktionen meist positiv und hilfreich.
Ansonsten wird das Usenet trotz seiner Potentiale meist nur als Wissenspool bei der Informationssuche benutzt, selten als Medium zur wissenschaftlichen Arbeit der Teilnehmer miteinander.
Abschließend bleibt zu sagen, daß das Usenet trotzdem auf seine Art und Weise inzwischen zu einem unverzichtbaren Medium der wissenschaftlichen Arbeit geworden ist, sei dies in bezug auf Meinungsaustausch, Informationsbeschaffung oder gemeinschaftliches Arbeiten. Ausschließlich über das Usenet zu arbeiten, schließt sich sicherlich ob der oben genannten Nachteile aus, doch als Ergänzung für die Informationssuche und den Austausch mit anderen Experten ist es sicherlich sehr sinnvoll.
Es ist aus der Landschaft der modernen Medien nicht mehr wegzudenken.